SystemDenken - Wo fangen wir an?

GenE veranstaltet eine Seminarreihe, die unter anderem auf didaktischen Elementen von Dennis Meadows, einem der Autoren von „Die Grenzen des Wachstums“, basiert. Im jährlichen Wechsel bietet GenE unterschiedliche Module an. Das Modul „Systemisches Denken und Globales Lernen“ fand im November 2015 statt. Wir haben zwei Teilnehmer, Dr. Karl Leutschaft und Raphael Thalhammer, nach ihren Erfahrungen aus dem Kurs befragt.

Die großen Probleme dieser Welt können nicht mit derselben Denkweise gelöst werden, mit welcher wir sie verursacht haben.
(Albert Einstein)

Bildung nimmt eine zentrale Rolle bei nachhaltiger Entwicklung ein. Systemisches Denken gilt dabei als zentrale Gestaltungskompetenz. Was sind die Grundlagen des systemischen Denkens?

Leutschaft: Grob gesagt: Wenn ich ein komplexes System auseinandernehme und versuche, es zu analysieren, indem ich mich auf einzelne Bestandteile fokussiere, dann werde ich nicht gut verstehen, wie dieses System funktioniert. Systeme sind durch emergente Phänomene charakterisiert, also durch Effekte, die auf der Einzellogik nicht gut verstehbar sind, sondern nur im Zusammenwirken. Wenn ich ein ermergentes Phänomen wie etwa Hunger bekämpfen möchte, muss ich viele verschiedene Systemparameter, die zum Hunger beitragen, verändern. Ich muss in Wirtschaftskreisläufe eingreifen, ich muss  ökologisch etwas tun, auf Bildungsebene, vielleicht auch an rechtlichen Dingen oder am Finanzsystem etwas verändern. Es wäre gut, wenn wir es hinbekämen, das Wissen um solche Zusammenhänge zu verbreiten. Das würde helfen, damit wir uns fragen: „Wie können wir die Verantwortung für den Eingriff tragen?“

Thalhammer: Ein ganz zentraler Punkt für mich ist die Wechselwirkung zwischen System und Individuum. Wir sind in unserer Wahrnehmung und in unserem Verhalten sehr geprägt vom Umfeld, von dem System beziehungsweise den Systemen, in denen wir leben. Gleichzeitig prägen wir aber durch unser Verhalten auch andere Leute im System. In diesem Wechselspiel gilt es also immer wieder die eigene Wahrnehmung und eigene Verhaltensmuster zu hinterfragen. Ist man als Einzelner im System nur Rezipient oder Opfer, oder wie sehr kann der Einzelne doch eine Rolle spielen? Wie kann also Veränderung passieren? Es geht darum, einen Schritt zurücktreten zu können, die eigene Rolle in einem System einord- nen und verstehen zu lernen – nicht zuletzt um selbst handlungsfähig zu bleiben.

Der Kurs basiert unter anderem auf didaktischen Elementen von Donella und Dennis Meadows, Au- toren von „Die Grenzen des Wachstums“. Darin heißt es: „Die Ursachen hinter den Problemen von heute sind nicht eindimensional. Viele Faktoren überlagern oder verstärken sich.“ Haben Sie gelernt, wie man die Abhängigkeiten erkennen und sich zunutze machen kann?

Leutschaft: Ja, anhand von vielen Spielen. Spiele ermöglichen einen ganz anderen Zugang. Beispielsweise das Fischfang-Planspiel. Es geht um die Frage: Wie kann ich eine Fischpopulation, von der sich verschiedenste Interessensgruppen ernähren, erhalten? Und wie komme ich über die isolierte Sicht einzelner Interessensgruppen hinweg?

Thalhammer: Ich habe mich gefragt: Warum sind komplexe Systeme so wie sie sind? Sie sind nicht vom Himmel gefallen. Das sind Menschen, die sie gemacht haben. Da stehen meist knallharte Interessen, wirtschaftlicher oder politischer Natur, dahinter. Um unseren Lebensstandard zu führen, ist Ausbeutung von Umwelt und Mensch an anderen Stellen unvermeidbar. Das heißt ganz klar, wir müssen anfangen zu teilen. Wir sind festgefahren in der Logik Geben und Nehmen: Wir beuten viel aus und versuchen dann mit Reparationen und Entwicklungshilfeprojekten etwas zurückzugeben. Das ist eine absurde Logik. Wir wissen schon viel über die Probleme unserer Welt. Wir müssen anfangen, neue Handlungs- weisen einzuüben – und zwar sowohl auf individueller wie auch politischer und wirtschaftlicher Ebene.

In der Ankündigung heißt es: „Die Teilnehmer kommen dem eigenen Denken auf die Spur.“ Sind Sie dem eigenen Denken auf die Spur gekommen?

Leutschaft: Ja, ich habe ein paar blinde Flecken gehabt, was europäische Interessenspolitik und Eingriffe in Afrika angeht, etwa ökologische Probleme wie Überfischung und daraus resultierende Armut.

Thalhammer: Ich arbeite beim Nord-Süd-Forum München, einem Zusammenschluss von über 60 Münchner Initiativen, die im entwicklungspolitischen Bereich aktiv sind. Wir sind Dachverband und Netzwerk für diese Gruppen, leisten aber auch selbst Bildungsarbeit. Gemeinsam mit dem Verein Commit München e.V. haben wir einen Stadtrundgang „Orte des Wandels in München“ entwickelt. Wir besuchen dabei nachhaltige Münchner Projekte. Das sind alles super Initiativen, die einen ganz konkreten Beitrag zu einer Veränderung Richtung öko-sozialer Transformation der Gesellschaft leisten. Dennoch merken wir immer wieder, und da sind wir beim systemischen Denken, dass all diese Stationen ihrem Thema verhaftet sind. Der Blick für das große Ganze ist oftmals schwierig. Es ist aber auch wichtig, festzustellen, dass das in unserer komplexen Lebenswelt eine sehr große Herausforderung ist. Es geht nicht darum, dass alle von heute auf morgen hundertprozentig nachhaltig agieren – das würde die meisten komplett überfordern. Aber es gibt so viele Möglichkeiten, im Kleinen anzufangen, sich auf den Weg zu machen. Meine Meinung ist, dass Veränderung durch einen Kulturwandel getragen sein muss. Wie Donella Meadows sagte: „Wir müssen Missstände immer wieder benennen, aber dabei darf es nicht bleiben. Gleichzeitig müssen wir Alternativen und Pioniere in den Vordergrund bringen.“ Nur so kann es gehen. Der Positivrundgang zu „Orten des Wandels“ setzt dies auf lokaler Ebene ganz praktisch um.

Besteht denn nicht die Gefahr, dass man sich denkt: Wenn die Systeme so komplex sind, dann kann ich ja sowieso nichts machen?

Leutschaft: Ich kann schon etwas tun und Einfluss darauf nehmen, in welche Richtung sich die Welt bewegt. Höchstwahrscheinlich ist mein einzelner Beitrag gar nicht messbar in einem Wirtschaftssystem, in dem täglich allein für Spekulationen 1,2 Billionen Euro um die Welt fliegen. Aber wir haben Veränderungen ja schon erlebt, Beispiel Atomausstieg oder Solarenergie. Viele Leute haben angefangen, Solarpaneele aufs Dach zu nageln – und plötzlich entsteht eine Energiewende. Auch das ist ein systemischer Effekt. Für mich persönlich hat der Lutherspruch eine große Motivationskraft: „Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt untergeht, ich würde trotzdem heute einen Baum pflanzen.“ Wenn nicht wir in diesem Land etwas verändern, so klein diese Veränderung auch sein mag: Wer soll es denn dann tun? Denn andere haben noch viel weniger Mögllichkeiten, Einfluss und Macht.

Thalhammer: Es macht keinen Sinn, immer nur mit der Negativ-Rhetorik, Vorwurfs- und Weltuntergangsstimmung daherzukommen. Es geht darum, Alternativen und Räume zu schaffen. Aber neue Gewohnheiten einzuüben ist extrem langwierig. Das merke ich bei mir selbst, etwa was mein Konsumverhalten angeht. Wenn ich unterwegs bin, kaufe ich mir ganz oft Dinge, die ich eigentlich nicht brauche: Plastikflaschen mit Wasser oder den kleinen Snack zwischendurch. Natürlich wäre es besser, weniger zu kaufen, die Brotzeit zu Hause vorzubereiten. Dennoch, an vielen anderen Punkten erlebe ich Fortschritte. Es geht darum, sich auf den Weg zu machen. Eine große Gefahr dabei ist, die Verantwortung für komplexe globale Probleme auf die individuelle Handlungsebene abzuschieben, nach dem Motto: Der Konsument ist dafür verantwortlich, wie die Wirtschaft tickt. Man muss eine gesellschaftliche Kulturveränderung in die Breite tragen, auf deren Basis sich ein politisches System verändern kann. Es braucht dieses Bewusstsein, um dann Veränderungen im großen Stil zu bewirken.

Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt untergeht, ich würde trotzdem heute einen Baum pflanzen. (Martin Luther)