Reportage: Wachstum um jeden Preis?

Beim GenE-Welthandelsspiel lernen Teilnehmer, wie Wirtschaft global funktioniert – und wie
es sich anfühlt, wenn ein Land vom Kapitalismus gepackt oder auch ausgeblutet wird.

Von Annette Wild

Dieser Anblick macht nachdenklich: Die vier Bewohner Citronies sitzen einfach nur da, während an den fünf Tischen um sie herum auf Teufel komm raus produziert, verhandelt und getauscht wird. Hin und wieder unternehmen sie einen zaghaften Versuch, vom großen Kuchen doch noch ein Stück abzubekommen, treten an einen der Tische und bieten das einzige an, was sie haben: Brot. Die anderen fünf Länder, Askaban, Bastilien, Blumipol, Chakaland und Central Askaban heben nur gelangweilt die Lider. Brot? Nein danke. Brot braucht hier gerade keiner. Denn Autos will die Welt beziehungsweise die Weltbank, bringen sie dem Land doch den größten Wohlstand. Pro produziertes Auto gibt es 25 Geld. Ein Brot bringt gerade mal ein Geld.

Irgendwann gibt Citronien seine Bemühungen auf, ist aus dem Spiel – im wahrsten Sinne des Wortes. Vielleicht sogar besser, wenn das Land keinen Handel treibt. Wer weiß, ob Handel seine Lage unbedingt verbessern würde, erinnert man sich doch an die Fernsehreportage „HUNGER!“ von Klaus Kleber: Bauern eines kleinen Dorfes im westafrikanischen Sierra Leone hocken desillusioniert und hungrig vor ihren Hütten. Sie haben internationalen Investoren ihr fruchtbares Land zu einem Spottpreis verhökert. Darauf steht nun eine riesige Palmölplantage. Um das Recht zur Nutzung des Landes zu erhalten, wurden ihnen Schulen, Elektrizität und neue Häuser zugesagt – Versprechen, die kaum eingehalten wurden. Die früheren Landbesitzer profitieren kaum vom Palmöl-Geschäft, schlimmer: es zerstörte sogar die Lebensgrundlage der Dorfbewohner. Von dem wenigen Geld, das sie für ihr Land erhalten haben, müssen sie sich nun teure Lebensmittel kaufen – Lebensmittel, die sich früher selbst angebaut haben. Kolonialisierung 2.0 nennt man so etwas. Da hat Citronien noch Glück, immerhin hat es Brot und verhungert nicht.

Heute sind wir nicht in Westafrika, sondern in München im Referat für Bildung und Sport. GenE präsentiert hier 23 Münchner Lehrern von unterschiedlichen staatlichen und städtischen Realschulen und Gymnasien das Welthandelsspiel, das der Verein in Schulen anbietet und von dem GenE möchte, dass es auch Lehrer an ihre Schulen bringen, quasi als Multiplikatoren.

Das Erlebnisspiel basiert auf simplen Vorgaben: Produkte der Länder wie Brot, Reifen, Karosserien oder fertige Autos, können bei der Weltbank in Finanzmittel umgetauscht werden. Welches Land am meisten Finanzmittel hat, gewinnt. Für die Produktion von Autos braucht man rotes Papier und eine Schablone für die Karosserie, für die Reifen blaues Papier und eine runde Schablone, außerdem einen Bleistift, eine Schere und einen Kleber. Citronien hat weder eine Auto- noch eine Reifenschablone, auch keine Schere oder einen funktionierenden Bleistift – im Gegensatz zu Askaban. Zwar hat auch Askaban keinen Kleber, den hat nur Blumipol. Dafür hat es vieles, was es im Tausch für den Kleber anbieten kann. So wird am Tisch von Askaban quasi im Akkord geschnippelt und geklebt. Das Land setzt auf unbegrenztes Wachstum. Es gehorcht den Gesetzen des Marktes. Und die Bank, die es sehr genau nimmt mit der Qualität der Produkte, ist zufrieden: „Die Räder haben keine Umwucht. Sauber gefertigt. Deutscher Standart. Sehr gut.“

Ist der Ton unter den Ländern anfangs noch höflich („Würdet Ihre eine Reifenschablone gegen Geld tauschen?“ Nein, höchstens für eine Weile gegen den Kleber.“„Wir hätten gerne eine Karosserieschablone.“), schlägt er im Laufe des Spiels um – und zwar recht bald. Denn die Lehrer erleben heute eine Schnell-Variante des Spiels. Gerade als so manches Land denkt, alles laufe am Schnürchen, schaltet sich nämlich die Weltbank ein. Eine Glocke ertönt. Dann verkündet der Spielleiter und GenE-Koordinator Reiner Schmid: „Es gibt Bürgerkriege in Chakaland, Citronien, Bastilien und Blumipol. Jeglicher Handel zwischen und mit diesen Ländern kommt zum Erliegen. Verliehene Materialen dürfen abgezogen werden.“ Erschreckend ernst sagt eine vom fiktiven Bürgerkrieg betroffene Mitspielerin: „Ich wünsche den anderen Ländern eine Seuche.“

Nach fünf Minuten kann der Handel wieder aufgenommen werden. Dennoch wird der Ton zusehends rauer, denn bis Spielende haben die Länder nur noch 20 Minuten Zeit, um ihre Schatzkammern aufzufüllen: Eine Blumipol-Bewohnerin verlangt harsch einen Verzugszins für die etwas zu lange Entleihzeit des Klebers. „Ach lass doch“, versucht einer ihrer Teamkollegen sie zu besänftigen. „Du bist anti-wirtschaftlich“, schleudert ihm daraufhin die Zinseintreiberin entgegen.

Bei einem Teilnehmer von Askaban dagegen meldet sich langsam das schlechte Gewissen: „Krass, wie man so zum brutalen Rendite- Unternehmer wird. Vielleicht sollten wir Citronien Entwicklungshilfe anbieten. Schließlich können wir uns Mitleid leisten.“

Da schaltet sich schon wieder die Weltbank ein: „Ein Wirbelsturm wütet in großen Teilen Askabans und Central Askabans. Es gibt dort keine Lebensmittel mehr. Alles Brot geht an die Weltbank.“

Zwei Länder, die Brot brauchen. Das ist die Chance für Citronien! Doch da ist das Spiel schon vorbei. Das Resultat nach Punkten: 1. Platz: Askaban mit 169 Punkten, 2. Platz Chakaland mit 81 Punkten, 3. Platz Blumipol mit 76 Punkten. Citronien: 0 Punkte.

Nach einer kurzen Pause setzten sich die Teilnehmer für die Nachbesprechung zu einem Kreis zusammen. Wie haben die Teilnehmer das Spiel erlebt? Joachim von Askaban macht den Anfang: „Wir haben viel produziert. Interessant war, wie der kapitalistische Trieb einen einholt. Ich hatte als Industrieland aber irgendwann ein schlechtes soziales Gewissen Citronien gegenüber und wollte Entwicklungshilfe leisten.“

Sabine von Blumipol hat im Gegensatz zu Askaban nicht auf Massenproduktion, sondern auf Qualität gesetzt. Und Caro, auch Blumipol, fügt hinzu: „Unser Klebermonopol haben wir erst spät zu schätzen gelernt.“ Susi aus Central Askaban sagt , dass es wegen des Klebermonopols fast zu einem Krieg zwischen Blumipol und Askaban gekommen sei. „Aus Ressourcenknappheit – wir hatten ja keinen Kleber – haben wir sogar Geschäfte mit diesem Schurkenstaat, Blumipol, gemacht“, sagt Tessa aus Askaban.

Ziemlich ausgeliefert habe sie sich gefühlt, erkärt Lea von Chakaland. „Man ist von Dingen betroffen wie etwa dem Wetter oder Bürgerkriegen, die die Bevölkerung nicht verhindern kann.“

Und wie erging es den Spielern von Citronien? Es sei ihnen nichts anderes übrig geblieben, als das Spiel laufen zu lassen, denn außer Rohstoffen hätten sie nichts gehabt. „Wir sind einfach nicht in die Produktionsphase gekommen“, sagt Sabine. Und ihre Mitspielerin Conny fügt hinzu „Irgendwann ist da eine Lethargie, die einen erfasst. Nach dem Motto: Ich kann eh nichts machen.“

Gerlinde, eine Kollegin, die das Welthandelsspiel bereits in einer 8. Klasse in Erdkunde eingesetzt hat, um das Thema Nord-Südgefälle zu veranschaulichen, erzählt: „Die Schüler, die Citronien angehörten, haben es nicht ertragen, nichts tun zu können. Da herrschten bald bürgerkriegsähnliche Zustände.“

Was alle Teilnehmer natürlich interessiert: Gewinnt immer dasselbe Land? Spielleiter und GenE-Koordinator Reiner Schmid antwortet: „ Nur ganz selten fällt Askaban ab.“ Es sei aber nicht gesagt, dass es von Haus aus gewinne. „Ich habe das Spiel inzwischen etwa 13 Mal angeleitet. Jedes Spiel hat eine eigene Entwicklung.“ Es finde viel Gestaltung durch die Spielteilnehmer statt, denn es komme darauf an, welche Partnerschaften man eingehe und wie viel Durchsetzungsvermögen man besitze. Reiner Schmidt hat noch eine abschließende Frage an die Lehrer: Können sie sich vorstellen, das Spiel auch im Unterricht einzusetzen, und wenn ja warum?

Lea Schwarzenberg, Biologie- und Geschichtslehrerin am Wittelsbacher-Gymnasium sagt: „Das Spiel hat einen interessanten Ansatz. Es weckt emotionales Interesse und Betroffenheit, ohne moralisierend zu sein.“ Ihre Kollegin, Alexandra Götzberger, Chemie-Lehrerin am Michaeli-Gymnasium pflichtet ihr bei: „Das Welthandelsspiel macht unmittelbar erfahr- und erlebbar, dass es nicht gerecht auf der Welt zugeht.“ Und Maria Thurner vom Louise-Schroeder-Gymnasium in Untermenzing ist sich sicher, dass das Spiel Schüler in die Lage versetzte, zu reflektieren, und das Geschehen auf etwas Größeres zu übertragen. „Ich könnte mir gut vorstellen, es an unserer Schule anzubieten. Ich fand das Spiel super – obwohl wir Citronien waren.“

Das Erlebnisspiel in dieser Form geht zurück auf ein Projekt des Vereins Naturpark und Biosphärenreservat Bayerische Rhön e.V.

 

Wie funktioniert Wirtschaft und ihre Mechanismen?

Das Welthandelsspiel ist eine Methode zur Simulation komplexer realer Systeme. Es trägt dazu bei, politische und gesellschaftliche Wirklichkeiten, Zusammenhänge und Prozesse überschaubar und damit transparent zu machen. Das Spiel bietet darüber hinaus die Möglichkeit, Fähigkeiten im Bereich der Problemlösungskompetenz und Situationsanalyse, aber auch der Kommunikation und der Konflikt-, Team- sowie Empathiefähigkeit zu entwickeln oder zu vertiefen. Das Welthandelsspiel kann gut als Einstieg in Thematiken wie etwa „Welthandel“ oder „Fairer Handel“ dienen, um Schülern die Problematik von Verhandlungen im Bereich Weltwirtschaft zu verdeutlichen. Das Welthandelsspiel wird von GenE jeweils zusammen mit einem Vortrag über den ökologischen Fußabdruck angeboten.

Weitere Infos: gene@bene-muenchen.de

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