Nicanor Perlas - Wachstum um jeden Preis?

Nicanor Perlas bekam 2003 den Right Livelihood Award, den Alternativen Nobelpreis. Unermüdlich kämpft der philippinische Agrarwissenschaftler, Soziologe und weltweit bekannte Aktivist gegen Armut, Umweltzerstörung und Ungerechtigkeit sowie für eine bessere Zukunft. GenEration Zukunft traf Heiko Schaaf, der Perlas vom 28. Mai bis 5. Juni für sieben Veranstaltungen nach München holt.
Interview: Annette Wild

Was fasziniert Sie so an Nicanor Perlas, dass Sie ihn nach München einladen?
Globalisierungskritiker gibt es viele. Und Nicanor Perlas kritisiert auch sehr viele von den weltweiten Entwicklungen. Er kennt die dunkelsten Seiten der Globalisierung auch aus eigener Erfahrung. Doch kenne ich niemanden, der daraus eine so positive Kraft macht. Je tiefer er das Negative erfasst, desto positiver leuchtet seine Vision. Diese unglaubliche Zuversicht, die Hoffnung, die kraftvolle Überzeugung „Wir können was tun“ begeistern mich. Wir hatten Nicanor Perlas schon einmal 2006 für einen Jugendkongress zum Thema Globalisierung nach München geholt. Ich bin der Überzeugung, dass seine Vorträge und Workshops hier etwas bewirken können.

Was verbindet Sie persönlich mit Nicanor Perlas?
Dafür möchte ich etwas ausholen. Als ich so zwischen 17 und 20 war, war ich sehr interessiert sowohl an einem spirituellen Weg als auch an politischer und gesellschaftlicher Veränderung, und so war ich jeweils in verschiedenen Szenen unterwegs. Doch wollte jeweils die eine Gruppierung mit der anderen nichts zu tun haben. Für die linke Szene war alles Richtung Spiritualität tabu. Auf der anderen Seite wollten die „Esoteriker“ nichts von politischem Aktivismus hören. Diese Spaltung hat mich damals frustriert. Erst einige Jahre später habe ich auf Empfehlung hin ein Seminar zu einem Wirtschaftsthema bei Nicanor Perlas besucht. Da habe ich zum ersten Mal angefangen zu verstehen, dass die Arbeit nach innen und nach außen sich nicht nur nicht ausschließen, sondern notwendig zusammengehören, und diese Verbindung hat mein Leben sehr verändert. Perlas nutzt für diesen Prozess das Bild einer Lemniskate, einer liegenden Acht, bei dem „ich“ sozusagen in der Mitte stehe: Eine Frage kommt von außen. Wenn ich diese nicht nach innen mitnehme, sondern sie in meinen alten Mustern beantworte, dann entsteht nichts Neues. Die echten Fragen, die von der Welt kommen, lösen meist Betroffenheit oder Schmerz aus, und erst wenn ich das tragen und damit umgehen kann, kann es zu einem Umschwung, einem tieferen Verständnis für die Zusammenhänge und Verbindun- gen kommen. Daraus kann sich dann eine lebendige, echte, kreative Antwort entwickeln.

Kurz zusammengefasst: Was ist die Philosophie von Nicanor Perlas? Was sind seine Ziele?
Sein Ziel lässt sich recht einfach beschreiben, es ist die Befreiung des echten Menschlichen von jeglicher Form der Unterdrückung und die Schaffung von sozialen Strukturen, in denen wir Menschen würdig auch in unserer Verbindung zur Natur leben. Die Wege zu diesem Ziel sind bei ihm sehr vielfältig, und darum ist sein Engagement nicht auf einzelne Themen wie Ökologie, Klimawandel, Friedensarbeit, Bildung oder Geldwesen begrenzt, sondern auf alle zusammen. Und es gehört auch eine innerliche Befreiung zur Individualität dazu, also herauszufinden „Was ist meins?“, um diese Fähigkeit dann in die Welt zu bringen. Jeder Mensch ist auf die Welt gekommen, um etwas Gutes, etwas Wichtiges beizutragen. Die Frage ist nur: Wie kommt er da dran? Es geht Nicanor Perlas auch um die Lebendigkeit, die Verbindung zum Leben, mit allem, was dazugehört. Die Verbindung zu anderen Menschen, zur Natur und zu sich selbst.

Und wie komme ich da dran?
Wenn mich etwas trifft, dann kann ich das entweder an mir abprallen lassen und einfach weitermachen oder es zu- und in mich hineinlassen. Das hat auch viel mit anschauen, den Schmerz aushalten und ihn dadurch verwandeln zu tun, also tiefer erlebnismäßig in die Verbindungen und Zusammenhänge einzusteigen und aus dieser Tiefe heraus eine Antwort zu finden, die ich dann in die Welt bringe.

Um was geht es beim Modell der Sozialen Dreigliederung, das Perlas benutzt?
Dabei geht es kurz gesagt darum, die Werte der Französischen Revolution Freiheit, Gleichheit und Brü- derlichkeit in den entsprechenden gesellschaftlichen Bereichen Wirtschaft, Politik und Kultur zu leben. Im Geistesleben, also in der Kultur, brauchen wir die Freiheit. Im Rechtsleben die Gleichheit, also dass jeder Mensch gleich ist und gleich behandelt wird. Und im Wirtschaftsleben brauchen wir die Brüderlichkeit: Ich schau nicht nur auf mich, sondern auch darauf, wie es den anderen geht. Also nicht unbegrenztes Wachstum, sondern eine assoziative Wirtschaft. Die Frage lautet: Wo können wir Kooperationen schaffen, ohne die Macht zu bündeln, um die anderen platt zu machen?

Nicanor Perlas hat den Begriff „solution eco- systems“ geprägt. Was bedeutet er?
Dieser beschreibt ein ganzheitliches soziales System, in dem sieben Lebensbereiche ineinander wirken auf der Basis von Vertrauen und Menschlichkeit. Die Bereiche sind Ökologie, Wirtschaft, Politik, Kultur, das Gesellschaftliche, das Menschliche und das Spirituelle. Nur wenn alle Bereiche bedacht und gewürdigt werden, kann daraus etwas Neues, Stabiles und Nachhaltiges erwachsen. Das Prinzip nennt er solution ecosystems, weil es ein Weg zur Lösung der Weltprobleme ist.

Können Sie für diese Art von Arbeit ein Beispiel nennen?
Auf den Philippinen gibt es ja immer wieder sehr schwere Taifune. Perlas sagt: „Es ist sehr vieles kaputt gegangen und unendlich viel Leid geschehen. Aber welche Chancen haben wir durch die Zerstörung?
Eine Riesenchance! Die Energie-Infrastruktur, die Schulen, die Handynetze sind kaputt. Lasst uns die Infrastruktur sinnvoll und nachhaltig wiederaufbauen.“ Perlas hat es in kleineren Städten auf den Philippinen geschafft, die unterschiedlichen Kräfte zusammenzubringen und mit ihnen zu erarbeiten, wie es sinnvoller gehen kann. Wie kann die Gesellschaft so stabil sein, dass sie mit einem Taifun umgehen kann? Wenn alles zentral geregelt ist und der Taifun das Zentrum trifft, dann ist alles kaputt, oder es muss auf die Hilfe aus dem Zentrum gewartet werden. Wenn es aber viele in sich stabile Einheiten gibt, dann sind sie stark und flexibel genug, um einen Taifun zu überstehen, sich schnell und unkompliziert wiederaufzurichten und andere Re- gionen zu unterstützen. Auf den Philippinen versucht er, mit der Sozialen Dreigliederung ganze Gemeinden, ganze Städte wiederaufzubauen, indem er die Wirtschaft mit einbezieht. Denn ohne die Wirtschaft geht es nicht. Er bringt dabei die Politik, die Zivilgesellschaft und die Wirtschaft an einen Tisch und arbeitet hauptsächlich mit dem Ziel, dass die Vertreter der drei Bereiche sich untereinander vertrauen können.

Was an seiner Arbeit beeindruckt Sie am meisten?
Die Positivität, die Hoffnung, Liebe und Freiheit und die Unermüdlichkeit. Und die Frage: Wo kann ich wirklich etwas bewirken?

Was erwartet den Besucher auf der Veranstaltung? Welchen Termin sollte man auf gar keinen Fall verpassen?
Es gibt insgesamt sieben Veranstaltungen. Zwei davon sind je zweitägige Workshops, die auf 40 bis 50 Leute begrenzt sind. Diese bieten Raum fürs Gespräch und für Übungen. Auf sie freue ich mich am meisten, weil man Perlas dabei am besten kennenlernt. Der eine heißt „Courage Workshop“, darin geht es um den Mut, den wir brauchen, etwas Eigenes oder Neues in die Welt zu bringen. Im anderen, „Biography Workshop“, geht es darum, sich selbst und sein Leben anzuschauen und zu entdecken:Was schlummert darin und wie kann es in die Welt wirken? Dann gibt es zwei Veran- staltungen, die nicht wirklich öffentlich sind. Erstens den Schülerworkshop, zweitens dem Initiativentreffen, zu dem Menschen eingeladen sind, die in München schon in irgendeiner Form nachhaltig oder sozial aktiv sind. Mein Wunsch für die Veranstaltung ist es, diese Menschen und Initiativen darin zu stärken. Mir ist es wichtig, nicht nur die Informationen von Perlas, son- dern auch seine Energie zu verbreiten.

Fehlen noch die drei Vorträge.
Die drei Vorträge behandeln drei ganz verschiedene Bereiche. Der eine heißt „Die technische Singularität und die Zukunft der Menschheit“. Perlas sieht die technische Singularität als die Hauptherausforderung für die Menschheit in den nächsten Jahrzehnten. Dies sind laut Perlas weder der Klimawandel, noch die Armut oder der Terror, sondern die technologische Singularität. Es geht dabei um Bereiche der Gen-, Nano-, Neuro- und Informationstechnologie. Wenn diese Bereiche zusammenkommen und tief in den Menschen eingreifen, dann wird sich uns irgendwann die Frage stellen: Was ist der Mensch eigentlich? Was ist, wenn die künstliche Intelligenz, die immer weiter wachsen wird, die menschliche übersteigt?

Und die beiden anderen Vorträge?
In einem spricht Perlas über seine Aktivitäten auf den Philippinen. Der andere ist zusammen mit der anthro- posophischen Gesellschaft zum Thema „Die spirituellen Forderungen unserer Zeit“.

Was haben Sie selbst schon von seinen Lehren umgesetzt?
Positiv weiter aktiv zu sein.

Was erhoffen Sie sich von der Veranstaltung ganz konkret?
Ich bin der Meinung, München hat ein durchaus aktives Feld. Es wäre schön, wenn dieses Feld, diese Kraft verstärkt würde. Ich hoffe, dass etwas von Perlas’ positiver Stimmung, dieser Hoffnung, der Liebe, Mensch- lichkeit, Lebendigkeit hier strahlen kann.

 

Programm

Sa/So 28./29.5. Seminar:
Courage Workshop
Mo 30.5. Initiativentreffen:
Die globale Bedeutung lokaler Initiativen

Di 31.5. Schülerworkshop:
Botschafter für eine gerechtere Welt

Mi 1.6. Vortrag:
Die technische Singularität und die Zukunft der Menschheit
Do 2.6. Vortrag:
Die Probleme der Welt und die Ökosystem­ lösungen. Ein Beispiel von den Philippinen

Fr 3.6. Vortrag:
Die spirituellen Forderungen unserer Zeit

Sa/So 4./5.6. Seminar:
Biography Workshop

Verschiedene Veranstaltungsorte & Eintrittspreise

Infos unter:
Interessante Berichte und Kommentare über Perlas Philosophie und sein Wirken auf unserer GenE Seite und auf www.creative-engagement.de
Voranmeldung:
heiko.schaaf@creativeengagement.de

 

Nicanor Perlas

Nicanor Perlas, geboren 1950 in Manila (Philippinen), ist ein Agrarwissenschaftler, Soziologe und Umweltaktivist. 1978 musste er die Philippinen wegen seines Engagements gegen Atomenergie verlassen. Nachdem Diktator Marcos nach einem Volksaufstand 1986 in die USA floh, kehrte Perlas auf die Philippinen zurück. Perlas ist Gründer des Center for Development Alternatives (CADI), das sich für ökologische Landwirtschaft und eine nachhaltige Entwicklung einsetzt, bei der die unerwünschten Formen ungebremsten Wachstums überwunden werden. Für sein Engagement für die Stärkung der Zivilgesellschaft gegen die elitäre Globalisierung und für den Einsatz von Alternativen bekam er 2003 den Right Livelihood Award (Alternativer Nobelpreis). Perlas bemüht sich auch darum, Globalisierung als spirituelle Aufgabe zu betrachten. Er ist Mitglied des Club of Budapest und Berater für Nachhaltige Entwicklung bei der UN.