Gegen die Ohnmacht

Kann man als Zivilgesellschaft gar nichts tun in internationalen Konflikten? Doch, man kann. Das macht ein Lernspiel auf beeindruckende Weise erfahrbar. GenE-Autorin Annette Wild hat Civil Powker gespielt.

Am Ende des Tages werden wir den Bürgerkrieg in einem anderen Land verhindert haben. Wir sehen Bilder von Menschen, die sich vor Freude in den Armen liegen, von Politikern, die Friedensverträge unterschreiben und Menschenrechte und transparente Regierungsgeschäfte versprechen. Erleichtert klatschen wir Beifall. Diesmal kam es nicht zum Krieg, zur massenhaften Flucht und Hungersnot. Doch jeder von uns hat auch erkannt, wie schnell eine Krise in einen Krieg münden und wie die Zivilgesellschaft eines anderen Landes dies entscheidend beeinflussen kann.

Absicht des Lernspiels Civil Powker ist es, komplexe Zusammenhänge und die existierenden Handlungsspielräume in Deutschland vor allem im zivilgesellschaftlichen, aber auch im wirtschaftlichen und parteipolitischen Bereich aufzuzeigen und erfahrbar zu machen. „Jedes Spiel ist anders“, erklärt Spielleiter Karl-Heinz Bittl. Bittl ist Sozialpädagoge und Friedensarbeiter und hat Civil Powker entwickelt. Die Verzweiflung und Resignation bei Schülern, gegen Krisen in anderen Ländern nichts ausrichten zu können, sei der Auslöser für dieses Lernspiel gewesen. „Junge Menschen haben mich immer wieder gefragt: ,Was können wir von hier aus tun, wenn wir mitbekommen, dass woanders etwas passiert? Wo sollen wir anfangen?’“

Das Spiel beginnt

Genau das wollen wir 15 Erwachsenen, die heute im Pädagogischen Institut im Referat für Bildung und Sport der Landeshauptstadt München Civil Powker spielen, auch wissen. Am Anfang sind wir noch Lehrer, Dozenten, Umweltpädagogen, Studenten, Journalisten. Kurze Zeit später aber schon Politiker, Wirtschaftsunternehmer und Personen aus der Zivilbevölkerung – mit ganz unterschiedlichen Interessen.
Bittl spielt uns einen Film vor: In einem nicht näher benannten, bodenschatzreichen Land herrscht keine Presse-, Meinungs- und Religionsfreiheit mehr. Die Zivilbevölkerung, die von hoher Arbeitslosigkeit bedroht ist, demonstriert für mehr Mitbestimmung, soziale Gerechtigkeit und gegen Korruption. Das Militär ist kurz davor, die Demos mit Gewalt niederzukämpfen.

Wir treffen uns in unseren Kleingruppen – Regierung, Wirtschaft und Zivilbevölkerung. Wir überlegen, was zu tun ist, um die gefährliche Situation zu entschärfen. Um Handlungsoptionen durchsetzen, also bezahlen zu können, braucht es Macht und Geld. Vom Spielleiter haben wir dafür farbige Chips bekommen. Wir überlegen: Was ist die Aufgabe unserer Akteursgruppe? Was macht Sinn? Was kostet uns wie viel? Was hat welche Konsequenzen? Längst ist man in den drei Gruppen nicht einer Meinung, denn auch hier herrschen unterschiedlichste Interessen vor. Doch man muss sich auf ein gemeinsames Vorgehen einigen, um anschließend im sogenannten „Fishbowl“ seine Interessen durchzusetzen.

Pokerrunde

Das Spektrum und die Anzahl möglicher Handlungsoptionen, mit denen nun im Fishbowl „gepokert“ wird, ist so breit wie hoch: Die Zivilgesellschaft kann etwa Großdemonstrationen organisieren, mit der Bevölkerung im Konfliktland über das Internet Kon- takt aufnehmen oder Friedensfachkräfte entsenden. Allerdings können sie auch ihren Alltag fortsetzen oder sich für eine Verschärfung des Asylrechts einsetzen. Politikerinnen und Politiker können zum Beispiel nicht nur in Friedensvermittlungen diplomatisch aktiv werden oder Waffenexporte verbieten, sondern auch einen militärischen NATO-Eingriff unterstützen. Und die Gruppe der UnternehmerInnen hat sowohl die Möglichkeit, Kapitalanlagen einfrieren zu lassen, als auch Waffenlieferungen an oppositionelle Kräfte zu starten. Vieles kann nur mithilfe der Zustimmung oder Unterstützung der anderen Gruppen umgesetzt werden – deshalb diskutieren die Teilnehmer und feilschen hart wahlweise um die Civil-, Policy- oder Economy-Power-Punkte der anderen.

Doch trotz der gemeinsamen friedensstiftenden Bemühungen eskaliert der Konflikt im fernen Land. Nun sehen wir Bilder, wie das Militär immer brutaler gegen den Aufstand der Bevölkerung vorgeht. Wir treffen uns wieder in den Akteursgruppen. Was müssen wir nun tun? Humanitäre Nothilfe leisten? Militärisch intervenieren? Ist eine friedliche Lösung überhaupt noch realistisch? Nach zähen Verhandlungen im Fishbowl einigt man sich auf ein fried- liches Vorgehen.
Der Spielleiter zeigt den letzten Film des Tages. Und sieh da: Der Bürgerkrieg konnte dank unserer Handlungen abgewehrt werden! Fast sind wir ein bisschen erstaunt, wie leicht das ging. Ist das überhaupt realistisch? Das kann doch gar nicht sein! „Doch, auch so ein Ausgang ist durchaus möglich“, sagt Friedensarbeiter Bittl.

Wer gewinnt?

Das Ganze hätte aber auch in einen Krieg münden können, wenn wir nicht gemeinsam auf eine friedliche Lösung gedrängt hätten. „Bei den 10. und 11. Klassen bildet sich Realität anders ab“, sagt Spielleiter Bittl. Dennoch habe er nie Häme erlebt, wenn er als letzten Film nicht ein Land im Frieden, sondern im Krieg zeigt. „Erst herrscht Schweigen, dann kommt es zur Diskussion“, so Bittl. Wir Erwachsenen hätten sehr regelkonform gespielt, seien brav und angepasst gewesen. „Das kann man auch komplett anders machen. Die Schüler tricksen viel mehr, gaukeln anderen etwas vor. Das liegt wahrscheinlich daran, dass sie noch keine so gefestigten Werte wie Erwachsene besitzen“, sagt Bittl. Sascha, ein Teilnehmer stimmt dem zu: „Im letzten Fishbowl hat uns alle eine Art Euphorie gepackt, dass wir alle an einem Strang ziehen. Jeder einzelne hat eher nach den Werten, die übereinstimmten, als nach seinen persönlichen Interessen gehandelt und viel Kompromissbereitschaft an den Tag gelegt. Das war, als würde sich etwas in allen öffnen.“
Eine Teilnehmerin, die die Wirtschaft vertreten hat, fragt abschließend: „Wir haben noch so viele Geldchips übrig. Was machen wir damit?“ Bittl erwidert: „Erstens fragt sich das so mancher Kapitalist kurz vor dem Tod auch. Zweitens habt ihr bewiesen: Man kann gut wirtschaften und dennoch sozial handeln.“

Und wer hat jetzt gewonnen? Die Wirtschaft, weil sie am meisten Chips hat? Nein, gewonnen haben wir alle zusammen – vor allem neue Erkenntnisse über den Einfluss und die Möglichkeiten jedes Einzelnen.