Interview: Die drei großen Krisen der Menschheit

Im September hat der zweite von GenE unterstützte Munich U.LAB Hub begonnen. Ziel des achtwöchigen Programms ist es, eigene oder gemeinsame Projektideen für einen gesellschaftlichen Wandel zu entwickeln – gemeinsam mit einer weltweiten und gleichzeitig lokalen Gemeinschaft. 28.000 Teilnehmer aus 190 Ländern nahmen Anfang 2015 daran teil. Wolfgang Huber, Koordinator des Munich U.LABHub, erklärt, um was es bei dem Programm genau geht.

Interview Annette Wild

 

Was steckt hinter dem Namen U.LAB Hub?

Er beinhaltet drei Begriffe. Das U ist eine Abkürzung für die U-Theorie. Begründer dieser Theorie ist der in Deutschland geborene Otto Scharmer. Scharmer lehrt am renommierten MIT, dem Massachusetts Institute of Technology. Dort ist er der Frage nachgegangen: Wie funktionieren Veränderungen und wie stehen wir selbst dazu in Beziehung? Scharmer hat herausgefunden: Wenn sich ein Manager auf einer tiefen Ebene bewusst ist, warum er genau das tut, was er tut, gestalten sich Veränderungen viel nachhaltiger. Innovative Lösungen sind vom Potential der Zukunft her gestaltet und bauen nicht wie meist gewohnt auf Muster und Gewohnheiten der Vergangenheit auf.

Ist der Kurs also vor allem für Manager gedacht?

Nein, der Kurs ist für jeden, der sich engagieren und reflektieren möchte, also für jeden, der soziale Verantwortung übernehmen will. Otto Scharmer ist aber sehr stark mit dem Management vernetzt und geht in seiner Arbeit der Frage nach: Wie könnte eine neue Wirtschaft aussehen?

Kommen wir zu dem Wort LAB.

Bevor man irgendein Produkt in die Welt bringt, probiert man es in einem Labor aus. Bezogen auf unser Programm ist ein LAB, also ein Labor, ein geschützter Ort, an dem jeder entdecken kann, wie er in Beziehung steht mit seiner Initiative, mit anderen Menschen, und dabei die Chance hat, sich selbst zu entdecken.

Und Hub?

Es ist ein gemeinsam gestalteter Austausch- und Erfahrungsraum, in dem Menschen mit gewissen Interessen zusammenkommen, um sich zu begegnen und Inspiration zu holen.

Was hat das Ganze mit GenE und dem Thema Nachhaltigkeit zu tun?

Otto Scharmer hat entdeckt, dass wir im Grunde drei große Krisen auf der Welt haben: Eine ökologische Krise: die Ausbeutung und Zerstörung unserer Umwelt. Die soziale Krise: die immense soziale Schieflage zwischen Arm und Reich. Die dritte große Krise, die uns erst die letzten zehn, fünfzehn Jahre bewusst wird, ist die spirituelle Sinnkrise. Das Individuum kommt an einen Punkt und fragt sich: „Was macht denn das alles jetzt noch für einen Sinn?“ Diese Sinnkrise mündet nicht selten in Depressionen, in Burnouts. Um diese drei großen Probleme, die überall auf der Welt erlebbar sind, zu bekämpfen, gibt es jeweils eigene Stiftungen, eigene Organisationen. Otto Scharmer war von Anfang an klar, dass es aber für alle drei Krisen eine Ursache gibt. Und dieser Ursache in meinem eigenen Thema zu begegnen, führt mich automatisch dazu, alle drei Bereich systemisch einzubeziehen. Bei GenE stellen wir uns daher die Frage: Wie können wir eine Gestaltungskompetenz entwickeln, in der verschiedene bislang isolierte Initiativen zu gemeinsamen, nachhaltigen Lösungen zusammenkommen?

Wie muss man sich das Programm ganz praktisch vorstellen?

Der dreigeteilte, englischsprachige Kurs dauert acht Wochen. Ein Teil besteht aus einem MOOC, also ein Massive Open Online Course, mit dem Namen „Transforming Society, Business & Self“. Das ist ein Webinar vom MIT, für das man etwa zwei bis drei Stunden die Woche benötigt. Die Videos kann man sich alleine zu Hause oder gemeinsam im Hub anschauen. Einmal die Woche nachmittags gibt es im Hub auch Live-Vorträge, Gruppenübungen und gemeinsamer Reflexion. Das dauert etwa zwei Stunden.

Kommen die Video-Vorträge aus Amerika?

Die Vorträge kommen direkt vom MIT in Boston und werden ergänzt von überall auf der Welt. Aus China, aus Indonesien, aus Brasilien. Wo gerade etwas passiert.

Nach dem MOOC und dem Hub fehlt noch der dritte Teil, der den Kurs bildet.

Es sind nicht nur Einzelpersonen, die in den Hub kommen, sondern selbst organisierte Grüppchen, die aus fünf Personen bestehen und sich auch außerhalb des Hubs treffen – die sogenannten Coaching Circles. Sie treffen sich insgesamt mindestens fünfmal bei einem Gruppenteilnehmer oder an einem anderen geschützten Ort und sprechen gemeinsam im kleinen Kreis über ihre Erlebnisse. Eine der Personen bringt jeweils einen Fall ein: Was beschäftigt mich gerade auf einer tiefen Ebene? Die Gruppe wendet dabei Otto Scharmers Theorie U praktisch an.

Und wie funktioniert die genau?

Das „U“ besteht aus vier Ebenen. Die erste Ebene ist jene Gesprächssituation, in der man gar nicht nachdenken muss, man funktioniert automatisch. Der Austausch basiert auf sprachlichen Gewohnheiten. Diesen oberflächlichen Bereich nennt Otto Scharmer „Downloaden“. Die nächste Ebene des Us geht tiefer. Man versucht, Standpunkte des anderen zu verstehen – ähnlich wie in einer Debatte. Otto Scharmer nennt das „Seeing“. Dann geht es noch tiefer: Wir erweitern die Perspektive, befreien uns von Systemzwängen, entwickeln eine empathische, wertschätzende Haltung, „Sensing“ genannt. Auf dem Weg zum tiefste Punkt des U geht es ums Loslassen von Vergangenem. Auf dieser Ebene, dem „Presencing“, stellen sich Momente der Stille ein und wir tauchen in das Potential unserer gegenwärtigen Zukunft. Das auf dieser untersten Ebene entdeckte Potential entfaltet und entwickelt sich dann wieder die drei Ebenen hoch zu inspirierenden, neuen Gewohnheiten.

 

Benedikt Foit hat von Januar bis März 2015 am Munich U.LAB Hub teilgenommen. Der 33-Jährige ist Dozent für Unternehmertum an der TU München und der Carey Business School in London.

Herr Foit, wie sind Sie zu dem Kurs gekommen?

Ich hatte schon viel von Otto Scharmer gelesen und bin in verschiedenen Netzwerken auf den Kurs aufmerksam gemacht worden. Und da ich auch als Dozent an der Uni unterrichte und mich für MOOCs, also für Massive Open Online Courses, interessiere, war es naheliegend, dass ich am Munich U.LAB Hub teilnehme.

Wie haben Sie den Kurs erlebt?

Auf den drei Ebenen, auf denen er stattgefunden hat, sehr intensiv. Einmal auf der globalen Ebene, dann auf der lokalen Ebene in München, und auf der kleinsten Ebene im Kreis, dem Coaching Circle. Wobei die Kreisarbeit am intensivsten war. Das Eingebettetsein in die lokale Struktur hat mir dabei geholfen, in München neue Kontakte zu knüpfen und zu sehen, wer spannende Sachen macht. Mit ein paar Leuten bin ich immer noch verbunden. Auf der globalen Ebene gab es auch gute Impulse. Das ist einfach eine schöne Vision, die Otto Scharmer hat.

Was hat der Kurs Ihnen im Nachhinein gebracht?

Ich habe einiges gelernt über MOOCs. Ein paar Sachen habe ich selbst angewendet in meinen eigenen Workshops, wie etwa U-Prozesse mit vielen Leuten. Ich bin besser vernetzt, besser angekommen in München und habe Freundschaften geknüpft. Und ich habe etwas über mich gelernt, einen Raum gefunden, in dem ich über die bei mir gerade anstehenden wichtigen Themen wie Leadership im beruflichen Kontext nachdenken kann.

 

Info:

Der Munich U.LAB Hub findet regelmäßig ein- bis zweimal im Jahr statt. Insgesamt benötigt man für den vollständigen Kurs ca. zehn Stunden pro Woche. Er kostet 40 Euro.

Terminübersicht: http://www.gene-muenchen.net/termine-ulab-20-september-2015

Infos zur U-Theorie: www.presencing.com